Wir sprechen in unserer Branche viel über Formate, Plattformen und neue Tools. Aber was wirklich entscheidend wird, zeigt sich selten in den Buzzword-Schlachten oder auf Produktfolien. 2026 wird das Jahr, in dem wir entscheiden müssen, wie wir mit Verantwortung, Sichtbarkeit und Technologie im Audiobereich umgehen.

Als Audio-Expertin und Beraterin begleite ich viele dieser Themen strategisch, operativ und oft auch kritisch. Und ich sehe sechs zentrale Herausforderungen, die uns im kommenden Jahr nicht loslassen werden:

1. Transparenzpflicht: Der KI-Schleier fällt

Der AI Act wird 2026 in der Praxis ankommen und das betrifft uns alle. Ab dann gilt: KI-generierte Inhalte, insbesondere synthetische Stimmen, die täuschend echt klingen, müssen gekennzeichnet werden. Und zwar nicht versteckt im Kleingedruckten, sondern klar, nachvollziehbar und auditierbar.

Die Audiobranche tut sich aktuell noch schwer damit. Viele Produktionen laufen bereits automatisiert, oft mit generischer Sprachsynthese. Aber wer kennt noch den Unterschied zwischen menschlicher und KI-Stimme und wer will ihn kommunizieren? Wir brauchen dringend Standards, Prozesse, Rollenverständnisse. Wer verantwortet was? Wer entscheidet, wann gekennzeichnet wird? Und wie bleibt Vertrauen erhalten? Vor allem stellt sich die Frage: Wie wird Radio klingen, wenn alle KI-Inhalte zukünftig gekennzeichnet werden müssen?

Dazu werde ich im Rahmen eines Webinars der Radiozentrale meine Perspektive einbringen und unsere Idee einer branchenweiten Taskforce für KI-Transparenz in Audio vorstellen, um genau diese Fragen gemeinschaftlich und praxisnah zu beantworten. Denn ich bin überzeugt: Wenn wir das nicht selbst regeln, regeln es andere für uns. Und dann ist es zu spät.

2. Programmatic Audio: Vom Versprechen zur kreativen Realität

Programmatic Audio ist längst kein Nischenthema mehr. Die automatisierte, datengetriebene Ausspielung von Werbung über digitale Marktplätze, angepasst an u.a. Ort, Zeit, Wetter und Gerät, hat sich in vielen Vermarktungsstrukturen etabliert. Und das mit gutem Grund: Sie macht Audio planbarer, relevanter und effizienter.

2026 wird das Jahr, in dem sich zeigt, wie gut sich diese Technologie im Alltag der Kreation und Mediaplanung bewährt. Die Branche ist mit Stolz dabei, neue Standards zu setzen: Dynamic Audio Ads, Trigger-Logiken, Multichannel-Verknüpfung mit Digital Out of Home oder Mobile, erste Use Cases im Voice Commerce.

Im Rahmen der DMEXCO Amplify Audio Area habe ich im Amplify Audio Café ein Expertenpanel dazu moderiert. Dort wurde deutlich: Die Grundlagen stehen, aber jetzt beginnt die entscheidende Phase:

Wie konsequent verknüpfen wir technologische Innovation mit kreativer Exzellenz?

Mein Appell: Programmatic Audio braucht Mut. Und nicht nur in der Gestaltung und in der Steuerung, sondern auch im Verständnis für datenbasierte Dramaturgie. Denn das Potenzial ist da und es ist groß.

3. Alexa Plus & Smart Audio: Der zweite Anlauf zählt

Alexa stand kurz davor, zur Randnotiz zu werden. Ich gebe zu: Im Vergleich zu generativen KI-Systemen finde ich, dass Alexa ziemlich dumm ist. Jetzt bringt Amazon mit Alexa Plus neue Dynamik. Die KI ist dialogfähiger, kontextsensibler, persönlicher. Sie basiert auf einem Sprachmodell, das natürliche Sprache besser versteht und nutzt. Dies könnte die längst erwartete Reaktion auf jahrelange Nutzerkritik an der bisherigen Sprachsteuerung sein. Aktuell ist Alexa Plus nur als Early-Access in den USA verfügbar. Der Start in Deutschland steht noch aus; ebenso wie ein konkreter Termin. Klar ist aber: Die neue Version wird Teil eines Bezahlmodells, kostenlos bleibt sie nur für Prime-Kund:innen. (Quelle: t3n)

Ich rechne trotzdem damit, dass Smart Speaker in Deutschland ein Revival erleben und dies nicht im alten Sinne von Sprachsteuerung und Skills, sondern als intelligente, eingebettete Interfaces für Audioinhalte, Werbung, Services. Das bedeutet für Publisher, Agenturen und Marken: Jetzt ist der Moment, Smart Audio strategisch zu denken. Aber bitte mit Inhalten, die dialogfähig, kontextsensitiv und markenkonform sind. Wer hier wieder nur wartet, hat eigentlich schon verloren.

Und es gibt noch einen Grund, warum das jetzt zählt:

4. KI-Suche & Audio-Sichtbarkeit: Wer gehört werden will, muss auffindbar sein

Wer künftig in Alexa Plus, Siri oder Google Gemini gefunden werden möchte, muss in den KI-basierten Suchsystemen mit strukturierten Inhalten, Metadaten und klarer Auffindbarkeit präsent sein. Die jüngsten Entwicklungen rund um Google Search mit generativer KI zeigen: Marken müssen um ihre Sichtbarkeit neu kämpfen. Klassische SEO verliert an Bedeutung, Audioinhalte rutschen noch weiter in den Hintergrund, denn sie sind für KI-Systeme oft nicht auslesbar, nicht strukturierbar, nicht referenzierbar. Audio versendet sich. Noch.

Was wir brauchen, sind Formate, Schnittstellen und Plattformstrategien, die Audio auch und gerade in KI-gestützten Interfaces sichtbar und auffindbar machen. Dies betrifft nicht nur Marken, sondern auch Radiosender, die im Wettbewerb um die digitale Auffindbarkeit nicht ins Hintertreffen geraten dürfen. Es wird im nächsten Jahr spannende Lösungen geben und es braucht auch den Mut, diese proaktiv zu gestalten.

5. Podcasts im Wettbewerb um Sichtbarkeit und Community

Und da ist noch ein weiteres Lieblingsthema von mir: Podcasts. Nur so viel vorweg. Ich glaube weiterhin fest daran, dass Podcasts als reines Audioformat funktionieren. Gute Geschichten, starke Stimmen und kluge Inhalte brauchen kein Bild. Aber:

Die Plattformlogik arbeitet dagegen. Spotify, YouTube, TikTok & Co. priorisieren Sichtbares. Spotify forciert Videoformate, nicht zuletzt durch die Kooperation mit Netflix. Sichtbarkeit entscheidet über Auffindbarkeit. Das bedeutet: Wer nicht sichtbar ist, wird weniger entdeckt, weniger geteilt, weniger gehört. Wir müssen Podcasts also nicht ausschließlich visuell denken, sondern sichtbar machen – mit Transkripten, Snippets, visueller Begleitung, SEO- und GEO (Generative Engine Optimization)-Strategien und Interface-Kompatibilität. Wie das gelingen kann, zeigt ein Blick auf Podcast-Marketing-Strategien in sozialen Netzwerken (Castmagic). Dort liegt der Fokus auf:

  • gezielten Clips (Audiogramme)
  • visuell ansprechenden Zitaten
  • interaktiven Formaten (Umfragen, Live-Formate, Community-Aufbau)

Kurz: Social Media ist nicht Beiwerk, sondern der zentrale Hebel zur Sichtbarkeit. Podcast-Produktion wird damit komplexer – aber auch chancenreicher.

6. KI ist kein Gamechanger. Prozesse sind es.

Ich bleibe bei dieser steilen These: KI allein ändert gar nichts. Sie ist nur so stark wie der Prozess, in den sie eingebunden ist. Viele glauben, KI sei die Lösung für Skalierung, für Personalisierung, für Effizienz. Aber ohne saubere Workflows, Qualitätskontrolle, redaktionelle Verantwortung und strategische Einbettung wird KI einfach nur zum Lautsprecher des Beliebigen. Was wir brauchen, ist Prozessintelligenz: Wer produziert was, wie, warum und mit welcher Wirkung? KI kann Teil der Lösung sein. Aber nur dann, wenn die Menschen, die mit ihr arbeiten, wissen, was sie tun.

Mein Ausblick:
Das Jahr 2026 wird kein Jahr der Euphorie sein. Es wird ein Jahr der Klarheit. Wir müssen lernen, Audio neu zu denken – in Plattformen, in Prozessen und in den Köpfen der Menschen. Ich lade alle, die sich ernsthaft mit Audio auseinandersetzen, ein, dabei zu sein. Weniger Hype. Mehr Haltung.

Ich bleibe dran! Bleiben Sie auf ZAC!